Corona Unger

Gemälde – Kraftfelder materieller und atmosphärischer Verdichtung

Reinhold Budde entwirft eine farbige Welt, dann verdeckt er sie. Indem er über einen Zeitraum von einem bis anderthalb Jahren Farben in bis zu 50 Schichten übereinander lasiert, ergibt sich eine beständig veränderte Bildsituation, die entsteht und scheinbar vergeht, bis sie in mystischem, tiefem Schwarz gleichsam gipfelt. Während des aufwendigen Schichtens seiner Bilder verändern sich Erscheinung und Materialität der Farbe. Sie erhält eine abstrakte Qualität und führt den Künstler zur völligen Aufhebung dreidimensionaler Tiefenillusion zugunsten einer Malerei, die sich ganz auf Länge und Breite zu beschränken scheint, um schließlich noch unmittelbarer von der so genannten vierten Dimension – der Zeit – zu handeln. Buddes Bildaufbau übernimmt zusätzlich die Funktion atmosphärischer Verdichtung. Während des Malens öffnet sich ihm ein weites Spektrum von Gefühlswerten und Energien, die seine Arbeiten an den Betrachter weiterzugeben vermögen. Damit gleicht Reinhold Buddes künstlerisches Credo dem Hans Hartungs: „Je tiefer wir in die innersten Schichten unseres Seins eindringen, um so größer und allgemeingültiger wird die Ausdruckskraft unserer Kunst sein.“ (1)

Zeit – Die vierte Dimension

Buddes Kunst äußerster Verdichtung ist entstanden in Ruhe und Konzentration. Und ebendies fordert sie im Sehen. Mit der vielschichtigen Komplexität seiner Werke verbindet sich eine vom Künstler erstrebte, intuitive Wahrnehmung. „Wenn man weiß, was man nicht weiß, wenn man aufmerksam ist für das, was man nicht kennt, wenn man dem Beachtung schenkt, was unbekannt erscheint, dann erst sind Entdeckungen möglich.“ (2) Wie Pierre Soulages wendet sich Budde somit gegen ein oberflächliches Betrachten von Kunstwerken und betont: „...feinfühliges Sehen muss neu erlernt werden“, damit sich auch „Schönheiten des Alltags den Augen wieder erschließen.“ (3) Doch genaues Hinsehen erfordert Muße und Geduld, um unter das flächige Schwarz zu schauen und Verborgenes zu erspüren. Dafür bietet Budde dem, der bereit ist, sich ernsthaft mit seiner Kunst auseinander zu setzen, Möglichkeiten zur Versenkung – Ahnungen – farbige Entdeckungen. Auch seine Bildentstehung umfasst fließende Zustände zwischen dem Werden und Vergehen farbiger O berflächen sowie Ruhephasen, die immer länger andauernde Trocknungsprozesse der Farbschichten bedingen. Gerade in einer Welt, die den schnellen Wechsel von Bildern und Bild-Informationen bevorzugt, setzt diese retardierende Malerei eigene, der fernöstlichen Philosophie verwandte Akzente.

Oberflächenwirkung – Präsenz und Struktur der Farbe

Reinhold Budde hinterlässt nur geringe Spuren seiner künstlerischen Tätigkeit. Durch einen gleichmäßigen Pinselstrich verleiht er seinen Bildern glatte, meditative Oberflächen. Dieser Duktus, der sich präzise und technisch seinen Werken einprägt, unterliegt einem scheinbar ununterbrochenen Rhythmus, den der Künstler mit der fortwährend fließenden Atmung vergleicht. Budde agiert als Meister der Konzentration, der beinahe auf eine individuelle Malgestik verzichtet, um zu homogenem Farbauftrag und zu klar strukturierten Bildflächen zu gelangen. Produkt dieser rationalen Malweise sind eine großartige bildhafte Ruhe und Stabilität. Trotz der strengen Zurücknahme jedes malerischen Gestus’ bleiben Pinselspuren sichtbar, sodass in der leichten Variabilität von Buddes individueller Handschrift der Malprozess selbst sowie momentane Erregungen des Schaffenden zum Ausdruck kommen. Mit seismographischer Empfindsamkeit folgt das Betrachterauge den Bewegungsimpulsen der Künstlerhand und entdeckt dabei die leichte Rhythmisierung seiner monochromen Werke, die dadurch eine innere Dynamik in Struktur, Kolorit oder Licht erhalten. Wie Günter Umberg gibt Budde dem Schwarz als Zentrum seiner Bildkunst über persönliche Zurückhaltung und gestische Minimierung zusätzliche Möglichkeiten der Entfaltung. (4) Auf diese Weise rückt eine neue Dimension der Wahrnehmung in den Vordergrund der Bildbetrachtung, denn unter den gleichmäßig behandelten Oberflächen vibriert ein breites Spektrum von Farben in Erwartung ihrer Entdeckung.

Schwarze Magie in Farbe und Form

Vordergründig erzählen allein die Bildkanten von Rausch und Vielfalt der farbigen Grundierungen, die verborgen unter dem alles beherrschenden Schwarz liegen und immer wieder geheimnisvoll aufleuchten. Kulminierend in dieser Farbe der Geschlossenheit, Intensität und Konzentration entdeckt Reinhold Budde, wie sich im Verhältnis von Schwarz zu anderen Farben neue Seherfahrungen eröffnen. Auf ein schwarzes Bild zu blicken, ist mit dem Sehen in der Nacht vergleichbar. Es verlangt vom Auge eine Gewöhnung an die Dunkelheit und bewirkt das Erkennen von Nuancen in Struktur und Farbe. Diese erhöhte Konzentration ermöglicht einen intensivierten Blick auf das Sichtbare und Unsichtbare, vielleicht sogar auf das Transzendente und das eigene Selbst. Budde wählt Formate, die dem Rhythmus und Radius seiner Armbewegungen entsprechen und vor allem in ihrer Größenentwicklung eine technische Herausforderung darstellen. Doch gerade seine monumentale Malerei, die sehr weit in den Raum hinein strahlt und den Vorübergehenden gleichzeitig anzieht, bietet dem Betrachter Möglichkeiten der physischen wie psychischen Annäherung sowie kontrastreiche Wechselwirkungen mit Buddes kleineren Werken auf Leinwand und Papier. All seine Arbeiten werden ohne Rahmung nahtlos zu einem organischen Teil ihrer Umgebung. Indem leichte Papierarbeiten beim Vorbeigehen in Schwingung geraten können, potenziert der Künstler die seinen Werken immanente, meditative Atmosphäre.

Licht und Kraft

Die samtenen Oberflächen von Reinhold Buddes Gemälden wecken das Bedürfnis, sie zu berühren. Indem sich ihre Erscheinung abhängig von Lichteinfall und Betrachtungsrichtung wandelt, entfalten sie eine vitale Spannung. Die Intensität des Umgebungslichtes bedingt differenzierte Stimmungen der Arbeiten. Besonders in der Dämmerung entfalten sie ein starkes Eigenlicht. Auch die Bewegung vor den Bildern erzeugt momentane Variationen im Wechsel von Hell und Dunkel, die sie gegenwärtig und lebendig erscheinen lassen. Auf diese Weise erfolgt im Augenblick des eigenen Herantretens an Buddes Leinwände das konzentrierte Erschließen seiner Kunst. Ohne eine direkte Botschaft fordert sie auf zum Verweilen – zum Lesen der Bilder, im vergleichenden Sehen und Bilden von simultanen Bezügen. Somit provoziert sie entsprechend ihrer ganz eigenen Wahrnehmungsrhythmen ein Mobilisieren persönlicher Aktivität, ohne die sie andernfalls unbegreiflich bliebe. So verschieden wie die Tönungen des Schwarz – so weit reichen die Auffassungen seiner Bedeutung als Farbe oder Nicht-Farbe. (5) Während Aristoteles Schwarz und Weiß als grundlegende Farben bezeichnete, aus denen alle weiteren hervorgingen, betrachtete die Kunsttheorie seit Leon Battista Alberti sie nicht mehr als Teile der Farbskala. Noch für Goethe stellte Schwarz keine Farbe im prismatischen Sinn dar, sondern lediglich ein Pigment, das auf andere Körper übertragen werden könne. Matisse betonte jedoch das Gegenteil: „Le noir est une couleur!“ und unterstrich zusätzlich „est une force“. (6) Auch Budde begreift Schwarz als gewaltige, ursprüngliche Farbe, die, obgleich sie in Verbindung mit Melancholie, Trauer und Tod steht, im Dialog mit Farbe und Licht unerwartete Energien entfaltet. Reinhold Budde steht damit in einer Reihe großer Maler des Schwarz, die etwa mit Manets Farbgebung oder Goyas düsteren Visionen eine besondere Traditionslinie über die Geschichte der modernen Kunst hinaus bildet. (7)

Von Traditionen zu Tendenzen – Von Konstanten zu Konsequenzen

Verwandte und vorbereitende Entwicklungen

Besondere Anknüpfungspunkte findet Reinhold Budde vor allem in den Bestrebungen der New York School, deren „Black Paintings“ im Zuge des Abstrakten Expressionismus der 1950er und 1960er Jahre Schwarz und Weiß zu eigenständigen Farbwerten erklärten. (8) In seiner Affinität zu Schwarz, einer äußerst reduzierten Textur und Pinselführung, dem Negieren von Volumen und Raum sowie den großen Bildformaten ist Budde ihnen anverwandt. Wie Ad Reinhardt erstrebt er eine „Manifestation dessen, was nach Abzug aller kunstfremden und akzidentiellen Aspekte oder Elemente das Wesen von Kunst ausmacht.“ (9) Wie Frank Stella macht er das Sehen zum Gegenstand seiner Bilder und betont wie Robert Rauschenberg die Zeit. Im Verzicht auf narrative Umwege oder im Verdunkeln ablenkender kräftiger Farben nähert er sich außerdem der von Mark Rothko beabsichtigten Bildwirkung: „Sie können [den Betrachter] auf die eigene Leere stoßen, ihn sich selbst ausliefern“ und „zu einer Katharsis führen“. (10) Diese existentielle Suche nach sich selbst gleicht auch Rauschenbergs, Stellas und schließlich Barnett Newmans Absicht, mit geringsten Mitteln beim Betrachter eine konzentrierte Auseinandersetzung mit der eigenen Präsenz zu erreichen. In diesem Zusammenhang lässt sich Schwarz als Mittel der Grenzüberschreitung deuten – vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, vom Materiellen zum Spirituellen, vom Bewussten zum Unbewussten. (11) Dennoch geht es Reinhold Budde weniger um symbolische Werte als um die Konsequenz seiner künstlerischen Arbeit. Bereits frühe Werke des Malers lassen eine deutliche Tendenz zur Reduktion jedes Beiwerkes und eine dunkler werdende Farbpalette erkennen. Wenngleich in seinem Frühwerk kontrastreiches Kolorit vorherrschte, hat die Farbe Schwarz von Anfang an eine Konstante seines Kunstschaffens dargestellt. Im ompromisslosen Ringen um die knappste Formulierung erreichte Budde Mitte der 1990er Jahre mit der fortschreitenden Wende zur schwarzen Monochromie eine soweit wie nur möglich reduzierte Bildidee, die deutlich unterstreicht, wie wenig seine Kunst dem spontanen Einfall als vielmehr dem Ernst und dem unablässigen Suchen des Künstlers verdankt.

Wirkungsgrade – Sinnlichkeit und geistige Kraft

Buddes Farben, die anderes gesehen oder neu wahrgenommen werden müssen, liegen im Verborgenen unter homogenen schwarzen Oberflächen, die dem über die Leinwand gleitenden Blick keinen Fixpunkt bieten. Sie schärfen den Blick, da sich die Augen allmählich an die Dunkelheit gewöhnen und sich erst nach längerer Betrachtung ein Farbenspektrum offenbart. So schafft Budde über eine bewusst erschwerte Rezeption monochrome Werke von paradoxer Vielfarbigkeit. Reinhold Buddes ruhige schwarze Flächen erreichen einen besonderen Grad an Klarheit und auratischer Präsenz. Visuellen Kraftfeldern gleich bilden diese feierlichen Leinwände mittels gestischer wie koloristischer Askese ein jeweils eigenes, magisch-magnetisches Farb-Raum-Kontinuum von archaischer Einfachheit und Intensität. Diese von innerer Strenge geprägte Malerei dokumentiert in der ihr eigenen Monumentalität und Würde den ernsten Anspruch des Künstlers. Über ihre Dichte wie Sinnlichkeit eröffnet sie dem Betrachter an der Grenze von Sichtbarkeit zu Unsichtbarkeit oszillierende Wahrnehmungs- und Kontemplationsmöglichkeiten. Ergriffen von ihrer subtilen Schönheit und Vollkommenheit kann er einen Zustand geistiger Zentrierung erreichen.

Graphische Arbeiten auf Papier

Reinhold Buddes konsequent eingeschlagener Weg wird ebenfalls anhand seines graphischen Schaffens offenbar, das sein Œuvre kontinuierlich begleitet. Auch in der Graphik befragt er die Ideen des Abstrakten Expressionismus neu und entwickelt sie über beständiges Experimentieren weiter – hin zur Vervollkommnung und Intensivierung seiner Kunst. Auch auf den Spuren von Barnett Newmann oder Richard Serra und auf der Grundlage fortschreitender gestischer Abstraktion ist es von Neuem Buddes Ablehnung einer lauten expressiven Bildwirkung, die gerade in Lithographie und Zeichnung die Integrität seiner künstlerischen Zielsetzung unterstreicht. Eingebettet in die Produktion der schwarzen Gemälde entstanden Reinhold Buddes Ölkreidezeichnungen, in denen er farbige Grundierungen mit schwarzer Ölkreide überdeckt. Auf diese Weise kehren sowohl die unter monochromen Bildflächen verborgenen Farben als auch ihr rhythmischer Auftrag in der Graphik wieder, denn erneut ist entgegen des ersten Eindrucks keine der matt schimmernden schwarzen Oberflächen mit einer anderen identisch. Basierend auf dem Atmungsprinzip kontinuierlich wiederkehrender Bewegung erfahren sie durch Buddes präzisen Duktus eine sanfte Struktur und eine durchaus individuelle Ausprägung. Es sei eine meditative Handlung, sagt der Künstler, dieses intensive, ununterbrochene Ziehen der Kreide. In konzen trierten, regelmäßigen Bahnen handhabt er auch die Lithographiekreide, die er auf den Stein aufträgt und dann umdruckt oder mit der er direkt auf Papier zeichnet. Durch diese verschiedenen Materialien erhalten seine Papierarbeiten variable Strukturen und Körnungen, deren Dichte auf besondere Weise zu visuellen Brechungen der Weiß- und Grautöne führt. Spannungsreich und doch wesensverwandt kontrastieren Buddes luftig-leichte Lithographiekreidearbeiten mit den gänzlich im Schwarzen kulminierenden Gemälden und Ölkreidezeichnungen des Künstlers. Wie die White Paintings von Robert Rauschenberg sind sie nicht losgelöst voneinander zu betrachten, sondern zusammenwirkend. Im Vergleich zu ihren dunklen Gegenstücken ermöglichen sie dem Auge eine direkte Beziehung zum Licht. Durch ihre texturfreien Oberflächen wirken diese Blätter erhaben in ihrer Stille und Reinheit. An der Grenze des Sichtbaren belebt durch eine äußerst zurückgenommene Zeichnung, erfahren sie eine sanfte Harmonie der früheren Kontraste, denn „Alles kommt aus dem Schwarz, um sich im Weiß zu verlieren.“ (12) Somit erschließt sich Buddes schöpferische Welt, die im Grunde keiner Erläuterung bedarf, da sie ohne verschlüsselte Symbolik agiert.

1) Rolf Hagen: Hans Hartungs Graphik, in: Rolf Schmücking: Hans Hartung. Das graphische Werk, Braunschweig 1965, S. 195.
2) Charles Juliet: Gespräche mit Pierre Soulages, in: Felix Zdenek (Hg.): Pierre Soulages. Malerei als Farbe und Licht. Katalog zur Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen 16.5. – 18.8.1997, Hamburg 1997, S. 13.
3) Corona Unger im Gespräch mit Reinhold Budde am 26.2.2007.
4) Ulrike Schuck (Hg.): Günter Umberg. Katalog zur Ausstellung im Museum Moderner Kunst Landkreis Cuxhaven 30.8. – 27.9.1992, Otterndorf 1992, S. 6.
5) Vgl. Thomas Zaunschirm (Hg.): Die Farben Schwarz. Wien, New York 1999, S. 147 – 162.
6) Siehe Johann Wolfgang von Goethe: Farbenlehre. Theoretische Schriften, Tübingen 1953, S. 174ff. und Henri Matisse: Über Kunst, Zürich 1982, S. 191f.
7) Siehe Stephanie Rosenthal (Hg.): Black Paintings. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Haus der Kunst München 15.9.2006 – 14.1.2007, München 2006, S. 13f.
8) vgl. Rosenthal, S. 14, die darauf hinweist, dass zuvor bereits Max Beckmann Schwarz als „Farbe der Abstraktion“ bezeichnete. Weiterhin dazu Ortrud Westheider: Die Farbe Schwarz in der Malerei Max Beckmanns, Berlin 1995.
9) Thomas Kellein: ‚Schreibender Engel’ oder perfider Satan? Zu den Schriften und Gesprächen Ad Reinhardts, in: Thomas Kellein: Ad Reinhardt. Schriften und Gespräche, München 1984, S. 135.
10) Rosenthal, S. 63.
11) Ebd. S. 77 – 79.
12) Louis-Bertrand Castel (1688 – 1757): L’Optique des couleurs. Paris 1740, zit. n. Claude Lévi-Strauss: Sehen Hören Lesen, München 1995, S. 122.

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REINHOLD BUDDE | TEXTE

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