Dr. Ingmar Lähnemann

FOYER

Mit seiner Installation „Foyer“ bezieht sich Reinhold Budde raum- und ortsspezifisch auf den Eingangsbereich der Städtischen Galerie Bremen, den einzigen Raum im Erdgeschoss, der für Ausstellungszwecke genutzt wird. Er bildet den Auftakt jeder Präsentation. Dieser Raum weist einige spezifische Merkmale auf, die unter anderem mit seiner Funktion, das Publikum in Empfang zu nehmen und in die jeweilige Ausstellung und deren besonderes Thema einzuführen, in Zusammenhang stehen. Eine typische Empfangssituation besteht jedoch nicht, da es keinen Tresen und kein Personal gibt, das Besucher begrüßt, allgemeine Informationen gibt oder für Fragen zur Verfügung steht. Dies geschieht erst, wenn man die Kunstwerke im Eingangsbereich bereits angesehen und im Anschluss die breite Treppe ins Obergeschoss bewältigt hat, die wiederum ein sehr markantes Merkmal des zweigeteilten Raumes im Erdgeschoss darstellt. Sie startet, sich in besonderer Weise verjüngend, im größeren Teil des Raumes, um im kleineren Teil raumübergreifend nach oben zu führen. Darunter bleibt ein merkwürdiger Nicht-Ort, der gelegentlich für die Präsentation von Kunstwerken genutzt wird, aber immer zunächst außerhalb der gewöhnlichen Betrachtungsabfolge des Publikums liegt.

Ein gläserner Windfang mit doppelten Türen führt in den Raum, der eigentlich drei unterschiedlich große Fenster auf der rechten Seite aufweist, die jedoch für die meisten Ausstellungen geschlossen sind um den Raum dunkel zu halten, da sich der Eingangsbereich als einziger Teil der Galerie für Videoprojektionen eignet, die eine gewisse Dunkelheit brauchen. Aus diesem Grund war der gläserne Windfang und die ihn umrandenden schmalen Fenster lange mit Holzplatten verdunkelt. Ein typischer Eindruck für Besucherinnen und Besucher beim Eintritt in die Städtische Galerie Bremen ist daher die Konfrontation mit einem menschenleeren, dunklen Raum, der in vielen Fällen von einer großflächigen Videoprojektion bestimmt ist, die dem Eingang gegenüber liegt. So beeindruckend dies sein kann, so sehr verwirrt dieses unvermittelte Eintauchen in die ausgestellte Kunst, bevor man die Chance hat, sich über die Ausstellung zu informieren.

Reinhold Budde setzt mit seiner Installation genau an diesem typischen Eindruck vom Eingangsbereich an, um seine Arbeit innerhalb der Ausstellung „konkret bremen“ zu entwickeln, die für den ersten von zwei Ausstellungsteilen den Auftakt und die Grundierung der insgesamt 13 weiteren ausgestellten künstlerischen Positionen bildet. In einem für seine Arbeiten gegenwärtig gängigen Verfahren stellt Reinhold Budde mittels seiner künstlerischen Eingriffe einen Bezug zu den spezifischen Charakteristika des Raumes her. In diesem Fall bringt er Licht und Farbe in das normale Dunkel des Eingangsbereichs, überführt ein Material aus dem Außenraum ins Innere und stellt eine Verbindung der beiden getrennten Raumteile her, die aus Verweisen besteht und die sich vor allem im Bereich unter der Treppe auch auf die schwierige Präsentationssituation für künstlerische Arbeiten bezieht.

Eine neue Lichtsituation entsteht, indem Reinhold Budde den Kubus des Windfangs „entkernt“, also die verdunkelnden Holzplatten entfernt hat. Die weiße Holzstruktur zwischen den Fenstern wurde neu lackiert und ein schmales Fenster neben dem Windfang mit einer gelben Folie versehen, durch die bei entsprechendem Sonnenlichteinfall ein scheinender gelber Streifen in den Raum führt, der direkt auf die auffällige Setzung verweist, die Reinhold Budde an der gegenüberliegenden Wand, direkt neben der Treppe vorgenommen hat. Hier findet sich ein Stapel von 100 leuchtend gelben Papieren, die somit als flacher gelber Block auf dem Boden erscheinen, in ihrer Materialität zwischen strahlender farbiger Monochromie und einer ahnbaren Papierstruktur changieren.

Auf der großen durchgängigen Längswand rechts vom Eingang hat der Künstler ein fast wandfüllendes Gerüst anbringen lassen, dessen drei horizontale Träger jeweils vertikale Zickzackstreben aufweisen, die wie Dreiecke hinter der roten Gaze erscheinen, die Reinhold Budde vor das gesamte Gerüst gespannt hat. Dieser semitransparente Stoff lässt einerseits die dahinter liegende Struktur sichtbar, erscheint aber andererseits vor allem aufgrund der dominierenden, starken Farbigkeit wie eine große monochrome Fläche. Das Material ist ein direkter Bezug auf die Situation im unmittelbaren Außenraum der Galerie, wo der charakteristische ehemalige Wasser- und jetzige Treppenturm des Gebäudes wegen Renovierungsbedarf seit langem eingerüstet und mit einer weißen Gaze verhüllt ist, wie sie typischerweise auf Baustellen verwendet wird.

Diese ortsspezifischen Setzungen, die sich jeweils auf besondere Charakteristika des Raumes beziehen, werden im kleineren Teil des Eingangsbereichs unter der Treppe um eine Verspannung der beiden Seitenwände erweitert, die aus zwei schwarzen horizontalen Profilen und einen darin gefassten zentralen zweiseitigen Spiegel bestehen. Auf der Rückseite, die nur von der Treppe im Blick nach unten sichtbar ist, befindet sich eine glänzende rote Spiegelfläche, die sofort einen farblichen Bezug zur großen roten Gazefläche im anderen Raumteil herstellt. Auf der Vorderseite hat Reinhold Budde einen neutralen Spiegel angebracht. Mittels des Spiegels macht er auf ein absurdes Raumelement aufmerksam: die abgebrochene ehemalige Treppe des Gebäudes, die heute ins Nichts führt und die der Künstler Robert van de Laar mit einer permanenten Installation versehen hat, einer schwarzen Glasüberformung der Treppenstufen, die das merkwürdige Raumelement zu einem skulpturalen Körper machen. Das gesamte Element befindet sich in Überkopfhöhe und öffnet in dieser Setzung in betonter Weise den Blick in den Raum unter der Treppe, der zwar weder Aufenthaltsqualität hat noch wirklich zum Ausstellungsbereich zu gehören scheint, der aber so groß ist, dass er räumliche Autonomie reklamiert. Gleichzeitig handelt es sich bei dieser Verstrebung offensichtlich um eine Sperre des Raumes, die in Richtung der Betrachter jedoch durch die spiegelnde Fläche wieder zurückgenommen wird.

Der spezifische Raum wird in besonderer und direkter Weise auf der Rückseite der Verspannung unter der Treppe reflektiert. Diese Seite ist mit einem roten Spiegel versehen, der ein leicht verschwommenes Bild der Umgebung erzeugt, aber deutlich den Blick aus der Fläche in den Raum lenkt und damit einen weiteren Hinweis auf das zentrale Thema der gesamten Installation gibt. Der Spiegel ist so hoch gehängt dass man sich als Betrachter darin nicht sehen kann. Dennoch ist das Publikum, sind die Rezipienten ein zentrales Element der Arbeit. Auf dem Weg zwischen den Geschossen lässt die plötzlich unter der Treppe schwebende rote, glänzende Spiegelfläche die Besucher innehalten und lenkt den Blick auf die besondere Architektur der Treppe. Diese ermöglicht gleichzeitig zahllose Durchsichten.

In allen Eingriffen des Künstlers in den Eingangsbereich der Städtischen Galerie wird ein direkter Raumbezug deutlich, der raumanalytische Charakteristika trägt. Erkennbar wird dies zum Beispiel anhand der Überarbeitung des Windfangs, der als skulpturaler Körper durch die Reinigung und das Lackieren der Struktur sichtbar gemacht wird. Auch der neue, einheitliche schwarze Teppichboden, den der Künstler hier einsetzt, verstärkt den Eindruck eines Gebildes mit skulpturaler Qualität. Gleichzeitig wird seine Funktionalität als Übergang von Außen und Innen betont und damit die räumliche Bedeutung des Windfangs erfahrbar gemacht.

Ähnlich funktioniert die große rote Gazefläche erst in der monochromen Überwältigung der Betrachter, die der Künstler zumindest als Zitat von Farbflächenmalerei evoziert. Die grenzenlose Farbigkeit eines Barnett Newman-Gemäldes und dessen Idee des Sublimen hinsichtlich der sinnlichen Erfahrung derjenigen, deren visuelle Rezeption das Bild nicht fassen kann, ist hier ein Mittel, sich dem Betrachter gegenüber zu stellen, um ihn gleichzeitig zu vereinnahmen und mehrere starke visuelle Angebote im Raum zu machen, zu denen auch der gelbe Papierstapel gehört.

Betrachtern werden ihre Bewegung und ihre Wege im Raum bewusst gemacht in den Stationen, die Reinhold Budde anbietet. Der besondere Ort wird in all seinen architektonischen und funktionalen Besonderheiten vermittelt, aber auch als und zur Raumerfahrung übergeben. In hohem Maße versucht der Künstler im Rezipientenbezug seines Werkes über die Erfahrung dieses spezifischen Raums einen Ort überhaupt zu kreieren. In diesem Sinne ist der Titel der mehrteiligen Installation bezeichnend. Er bedingt sich durch die eher euphemistische Benennung des Raums, denn dieser Eingangsbereich hat wenig von einem Foyer, wie eingangs geschildert. Umso spannender ist es, Reinhold Buddes mehrteilige Intervention als Foyer bzw. als Foyerschaffung zu interpretieren.

Es gibt ungegenständliche Assoziationen an klassische Foyers, wie man sie aus Firmenzentralen, Banken oder Hotels kennt. Oder eben aus Museen. Die große rote monochrome Fläche wird dann nicht nur ein Verweis auf überwältigende Farbfeldmalerei à la Barnett Newman sondern auch die Kennzeichnung eines Empfangs. Dort wo sich normalerweise ein Tresen, eine Rezeption oder ähnliches befindet, steht hier ein rot verspanntes Gerüst, das den Raum jedoch genau so akzentuiert und strukturiert, wie dies ein Empfangstresen macht. Es ist in gleichem Maße Zitat der großen abstrakten Kunstwerke, die Foyers häufig zieren, wie der Rezeptionskonstruktionen, an die man sich als Eintretender wendet. Auch der freigelegte weiß lackierte Windfang wirkt in dieser Lesart wie die abstrakte Übernahme des typischen Eingangsbereichs eines Foyers. Mit doppelten Türen und mit viel Glas stellt dieser Teil des Raums in Foyers die Offenheit der jeweiligen Institution gegenüber der Öffentlichkeit dar und ermöglicht Blicke in das verlockende Innere, obwohl man sich des Gefühls nicht erwehren kann, dass es sich eigentlich um eine Schleuse zur Distinktion handelt. Indem Reinhold Budde dieses Element als abstrakten Raumkörper kennzeichnet, wirkt er dem entgegen, auch wenn eine ästhetisch-kathartische Funktion in diesem recht puristischen Raumteil durchaus angelegt ist. Eine zu deutlich formal-ästhetische Betonung hebt der Künstler mit dem Verweis auf das Baugerüst im Außenraum im Anschluss jedoch gleich wieder auf.

Elemente wie der gelbe Papierstapel lassen sich in diesem Sinne als Details der Gesamtinstallation begreifen, die für Besucher eine neue Aufenthaltsqualität schaffen, die sich zwar auf einer ästhetisch-sinnlichen Ebene bewegt, aber sicherlich eine größere Wirkung hat als eine immer merkwürdige Sitzgruppe mit Zeitschriften im Foyer einer Bank oder in der Lobby eines Hotels. Die Tatsache, dass hier jeder gegenständlichen Funktionalität entsagt wird und die Falle minimalistischer Plastiken, sich im Bereich des Designs und der Architektur zu verlieren, vermieden wird, führt dazu, dass mittels konkreter Setzung-en, die in gleichem Maße für den Künstler wie für sein Werk wie für dessen Betrachter gelten und entsprechend verhandelt werden können, der spezifische Raum sowie seine besondere Lage und Funktionalität als Ort mit einer besonderen Aufenthaltsqualität erschaffen wird. Wer sich mit Reinhold Buddes Foyer den unteren Ausstellungsraum und Eingangsbereich der Städtischen Galerie Bremen erschlossen hat, wird sich in veränderter Weise in Zukunft mit diesem Raum beschäftigen, auch wenn es sich bei der Installation nur um eine temporäre Geste handelt.

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REINHOLD BUDDE | TEXTE

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